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Notfall

Die Küche aufräumen, einen Brief öffnen, die Wäsche zusammenlegen. Das wirkt auf den ersten Blick überschaubar. Trotzdem bleiben solche Dinge manchmal tagelang liegen. Wir wissen, dass sie nicht von allein verschwinden, nehmen sie uns immer wieder vor und ärgern uns schließlich über uns selbst. Auch größere Vorhaben können wir lange vor uns herschieben: eine Entscheidung treffen, eine Bewerbung abschicken oder die eigene Homepage veröffentlichen. Doch warum tun wir nicht, was wir uns vorgenommen haben?

Prokrastination meint das wiederholte Aufschieben von Aufgaben, obwohl wir uns vorgenommen haben, sie zu erledigen, und damit rechnen, dass uns der Aufschub eher schadet. Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben. Mich interessiert in meiner therapeutischen Arbeit besonders ein möglicher Zusammenhang: Was geschieht, wenn aus einem eigenen Wunsch innerlich ein „Ich muss“ wird?

Wenn selbst das Aufräumen schwerfällt

Stell dir vor, du möchtest nach dem Abendessen die Küche aufräumen. Nicht, weil dich jemand dazu auffordert. Du möchtest einfach am nächsten Morgen in eine aufgeräumte Küche kommen. Trotzdem bleibst du sitzen. Und je öfter du denkst „Ich muss jetzt endlich“, desto weniger möchtest du aufstehen.

Vielleicht bist du erschöpft. Vielleicht weißt du nicht, wo du anfangen sollst. Es könnte aber auch sein, dass du auf das innere Müssen reagierst: mit Widerwillen oder einem trotzigen „Jetzt erst recht nicht“. Das ist ein merkwürdiger Widerspruch. Du möchtest etwas für dich tun und wehrst dich zugleich gegen die Forderung, die du daraus machst. Nicht unbedingt die Tätigkeit ist das Problem. Manchmal ist es der Druck, mit dem du dich dazu bringen willst.

Wenn hinter dem Aufschieben Angst steckt

Bei anderen Aufgaben geht es um etwas anderes. Jemand möchte eine eigene Homepage veröffentlichen. Die Texte sind fertig, die Gestaltung steht. Trotzdem findet sich immer wieder etwas, das noch verbessert werden muss. Was passiert, wenn andere die Seite sehen? Wenn sie die Arbeit kritisieren? Wenn man selbst beim Veröffentlichen merkt, dass es noch nicht perfekt ist?

Die weitere Vorbereitung kann dann davor schützen, sich diesen Fragen stellen zu müssen. Vielleicht gibt es aber auch eine Sorge vor Erfolg: Sichtbar zu werden kann Erwartungen verändern oder Entscheidungen nach sich ziehen, für die man sich noch nicht bereit fühlt. Aufschieben kann also mit Angst vor Fehlern, Bewertung oder Veränderung verbunden sein. Es kann aber auch einen anderen Hintergrund haben.

Wenn das eigene Nein früher keinen Platz hatte

Kinder brauchen Nähe und verlässliche Beziehungen. Gleichzeitig entwickeln sie ihren eigenen Willen. Sie möchten entscheiden, mitbestimmen und auch Nein sagen dürfen. Nicht jedes Nein lässt sich im Familienalltag erfüllen. Entscheidend kann jedoch sein, wie die Erwachsenen damit umgehen. Wird ein Kind für seinen eigenen Willen wiederholt beschämt, bestraft oder mit Liebesentzug bedroht, kann es lernen, seine Wünsche zurückzustellen. Nach außen passt es sich möglicherweise an. Schließlich ist es auf seine Bezugspersonen angewiesen.

Doch Anpassung bedeutet nicht unbedingt innere Zustimmung. Ein entschiedenes Nein kann bleiben:

„Okay, Du kannst mich zwingen, aber mein Herz bekommst Du nicht.“

Das muss kein bloßer Trotz sein. Ein solcher innerer Widerstand kann ein Versuch sein, die eigene Autonomie und Würde zu bewahren. Wenn das offene Nein keinen Platz hat, bleibt vielleicht wenigstens die innere Verweigerung. Diese Erfahrung muss nicht zu späterer Prokrastination führen. Aber sie kann helfen, einen bestimmten inneren Konflikt zu verstehen.

Wenn wir gegen uns selbst rebellieren

Später braucht es möglicherweise niemanden mehr, der uns etwas befiehlt. Die Forderung kommt von innen: „Du musst die Wohnung aufräumen. Du musst dich endlich um den Brief kümmern. Du musst produktiver sein.“ Und etwas in uns antwortet: „Nein.“ Der Widerstand, der früher gegen Erwartungen von außen gerichtet war, kann sich nun gegen die eigenen Vorhaben richten. Wir rebellieren gegen das Gefühl, gezwungen zu werden, und stehen uns dabei selbst im Weg.

Das ist besonders schmerzhaft, wenn uns die Aufgabe eigentlich wichtig ist. Wir wollen sie erledigen, schieben sie auf und erleben uns anschließend als unfähig oder undiszipliniert.

In solchen Momenten kann eine andere Frage hilfreich sein als „Wie zwinge ich mich endlich dazu?“:

Will ich das gerade wirklich? Und wenn ja: Wogegen wehre ich mich – gegen die Aufgabe oder gegen das Gefühl, sie erledigen zu müssen?

Die Antwort ist nicht immer sofort klar. Manchmal entdecken wir auch, dass wir etwas nur tun wollen, weil wir meinen, es werde von uns erwartet.

Wenn Scham zusätzlichen Druck macht

Zum Aufschieben kommt oft Selbstkritik. „Ich bin faul.“ „Andere bekommen das doch auch hin.“ „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Wenn solche Urteile schon früh zu unserem Alltag gehörten, können sie sich tief einprägen. Eine unerledigte Aufgabe wird dann leicht zum vermeintlichen Beweis für ein altes negatives Bild von uns selbst.

So kann ein Kreislauf entstehen: Wir schieben auf, verurteilen uns dafür und setzen uns stärker unter Druck. Der Druck verstärkt möglicherweise genau den Widerstand, den wir überwinden wollen. Noch mehr Disziplin ist dann nicht unbedingt hilfreich. Ein strenger Zeitplan kann sich wie eine weitere Anweisung anfühlen, der wir uns unterwerfen sollen.

Wenn der Widerstand auch in der Therapie auftaucht

Diesen Gedanken finde ich für meine Arbeit besonders wichtig. Wenn jemand zu mir kommt, weil er weniger aufschieben möchte, wäre es naheliegend, gemeinsam auf dieses Ziel hinzuarbeiten. Doch wenn ich als Therapeut unbedingt erreichen wollte, dass dieser Mensch endlich ins Handeln kommt, könnte genau das den vertrauten Widerstand auslösen. Vielleicht spürt mein Gegenüber wieder: Da ist jemand, der etwas von mir will. Nach außen entsteht Zustimmung, während innerlich der Rückzug beginnt. Selbst eine gut gemeinte therapeutische Erwartung kann als Druck erlebt werden.

Deshalb interessiert mich zunächst, was der Mensch selbst möchte. Ist es wirklich sein Wunsch, diese Aufgabe zu erledigen? Was geschieht in ihm, wenn er sich vorstellt, es zu tun? Welche Gedanken, Gefühle oder Körperempfindungen tauchen auf? Und wie geht er mit sich um, wenn er zögert?

Aus NARM®-Perspektive ist dabei auch wichtig, was gerade in der Beziehung geschieht. Wenn ich eine Frage stelle oder einen Vorschlag mache: Fühlt sich mein Gegenüber frei, mir zu widersprechen? Oder entsteht der Impuls, mir zuliebe Ja zu sagen? Das bedeutet nicht, dass wir in der Therapie keine Ziele haben dürfen. Aber das Ziel soll dem Menschen gehören, der vor mir sitzt. Auch sein Nein darf da sein, ohne dass ich es möglichst schnell verändern muss.

Was möchte ich eigentlich selbst?

Vielleicht bleibt die Küche heute unaufgeräumt, weil du wirklich eine Pause brauchst. Vielleicht entscheidest du dich, sie jetzt aufzuräumen, weil dir der freie Tisch am Morgen wichtig ist. Oder du merkst, dass die Aufgabe allein gerade zu viel ist. Äußerlich kann das ganz unterschiedlich aussehen. Entscheidend ist, dass du allmählich unterscheiden lernst: Was wünsche ich mir? Was tue ich aus Angst oder Pflichtgefühl? Und wo kämpfe ich gegen einen Druck, den ich selbst aufrechterhalte?

Aufschieben verschwindet dadurch nicht einfach. Doch statt dich beim nächsten Mal sofort für faul zu halten, kannst du dich fragen, was dich gerade unter Druck setzt – und wessen Wunsch du eigentlich erfüllen willst.

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