
Bindungsangst verstehen – Warum Nähe manchmal Angst macht
Du wünschst Dir eine liebevolle Beziehung. Doch sobald Dir ein Mensch näherkommt, wirst Du unruhig, fühlst Dich eingeengt oder beginnst zu zweifeln. Du möchtest Dich zurückziehen, obwohl Du den anderen Menschen magst. Und kaum ist wieder Abstand da, vermisst Du die Nähe.
Das kann verwirrend sein. Wie passt der Wunsch nach einer Beziehung zu dem Bedürfnis, ihr immer wieder auszuweichen? Mit Bindungsangst lässt sich ein solches Erleben beschreiben. Dahinter können unterschiedliche Befürchtungen stehen: verletzt oder zurückgewiesen zu werden, abhängig zu sein oder in einer Beziehung die eigenen Bedürfnisse aus dem Blick zu verlieren.
Wenn Kleinigkeiten plötzlich stören
Am Anfang bist Du verliebt und genießt die gemeinsame Zeit. Dann wird die Beziehung verbindlicher. Dein Gegenüber möchte Dich häufiger sehen oder spricht über eine gemeinsame Zukunft. Du merkst, dass Du zögerst. Auf einmal stört Dich der morgendliche Mundgeruch Deiner Partnerin oder Deines Partners. Marotten, über die Du eben noch lächeln konntest, gehen Dir auf die Nerven. Du fragst Dich: Passt dieser Mensch überhaupt zu mir? War ich allein nicht zufriedener?
Solche Zweifel verdienen Aufmerksamkeit. Sie können auf etwas hinweisen, das Dich in der Beziehung tatsächlich stört. Wenn sie gerade dann stärker werden, wenn mehr Nähe entsteht, lohnt sich auch ein Blick auf diesen Zusammenhang: Was verändert sich für Dich, sobald die Beziehung enger wird? Vielleicht lässt der Druck nach, sobald Ihr Euch weniger seht. Du fühlst Dich wieder freier, und irgendwann wächst die Sehnsucht. Für Euch beide kann dieses Hin und Her schmerzhaft sein, gerade wenn Ihr kaum versteht, was zwischen Euch geschieht.
Wenn auch der Wunsch nach Abstand Angst macht
Vielleicht möchtest Du einen Abend für Dich haben. Doch schon bei dem Gedanken, das auszusprechen, tauchen Angst oder Scham auf. Du befürchtest, Dein Gegenüber zu enttäuschen, oder hältst Dich selbst für egoistisch. Möglicherweise wurde Dein Wunsch nach Eigenständigkeit früher verurteilt oder bestraft. Du hast erlebt, dass ein Nein Ärger auslöste oder Dir Zuwendung entzogen wurde, wenn Du eigene Wege gehen wolltest. Wenn das zu Deiner Geschichte gehört, kann es heute schwer sein, Dir Zeit für Dich zuzugestehen oder eine Grenze auszusprechen.
Dann gerätst Du in einen Konflikt: Du brauchst Abstand und fürchtest zugleich, damit die Beziehung zu gefährden. Vielleicht sagst Du zu einem Treffen Ja, obwohl Du lieber allein wärst. Später fühlst Du Dich eingeengt, während Dein Gegenüber gar nicht weiß, dass Du etwas anderes gebraucht hättest. Dabei bleibt die Frage wichtig, wie Dein Gegenüber heute mit Deinen Grenzen umgeht. Werden sie respektiert, oder erlebst Du tatsächlich Druck? Frühere Erfahrungen sind eine mögliche Erklärung. Sie dürfen nicht dazu führen, gegenwärtige Grenzverletzungen zu übersehen.
In einer Beziehung bei Dir bleiben
Wenn Du gelernt hast, Dich anzupassen, um eine wichtige Verbindung zu erhalten, kann Nähe mit der Befürchtung verbunden sein, Dich selbst zurücknehmen zu müssen. Rückzug schafft dann womöglich den Raum, in dem Du Deine eigenen Wünsche wieder wahrnimmst. Eine Frage könnte deshalb sein: Kann ich diesem Menschen nahe sein und trotzdem sagen, was ich möchte und was mir zu viel ist?
Es lohnt sich, auf die Momente zu achten, in denen Du über Deine Bedürfnisse hinweggehst. Wann sagst Du Ja, obwohl Du zögerst? Was befürchtest Du, wenn Du Nein sagst? Vielleicht bemerkst Du zunächst nur Anspannung oder Unruhe, bevor Du benennen kannst, was Dir gerade fehlt. Du musst daraus nicht sofort eine Entscheidung über die ganze Beziehung ableiten. Du kannst Dir Zeit nehmen, genauer zu verstehen, was Du fühlst und wie Ihr miteinander umgeht. Dabei darf sich auch zeigen, dass eine Beziehung nicht zu Dir passt.
Was wir in der Therapie erkunden können
In meiner therapeutischen Arbeit interessiert mich, wie Du Dich im Kontakt mit einem anderen Menschen erlebst. Wir können gemeinsam anschauen, was in Dir geschieht, wenn Nähe entsteht, Du Zweifel bekommst oder Dich zurückziehen möchtest. Dabei hat auch Dein Wunsch nach Abstand Platz. Wir können neugierig werden, was ihn auslöst, ob er Dich vor etwas schützt und was Du gerade brauchst. Du bestimmst mit, wie weit wir uns einer schwierigen Erfahrung annähern und wann Du eine Pause möchtest.
Auch zwischen uns kann es Momente geben, in denen Du Dich anpasst, etwas zurückhältst oder mehr Abstand brauchst. Wenn Du möchtest, können wir das aufgreifen: Wie ist es, einen Wunsch auszusprechen oder mir zu widersprechen? Was erwartest Du als Reaktion? So lässt sich an konkreten Situationen erkunden, wie Du Deine Bedürfnisse wahrnehmen und im Kontakt ausdrücken kannst. Dein Wunsch nach Verbundenheit und Dein Bedürfnis nach Eigenständigkeit dürfen dabei gleichermaßen ernst genommen werden.
