
Depressionen und Wut verstehen
Wenn Ärger keinen Platz haben durfte
Vielleicht kennst Du das: Jemand behandelt Dich ungerecht, verletzt Dich oder überschreitet Deine Grenzen. Doch statt wütend auf diesen Menschen zu werden, beginnst Du, an Dir selbst zu zweifeln. Ich bin zu empfindlich. Ich hätte anders reagieren müssen. Vielleicht stimmt etwas mit mir nicht. Du suchst den Fehler bei Dir, versuchst, den anderen zu verstehen, und stellst Deine eigenen Gefühle infrage.
Manchmal kann dahinter auch eine Wut liegen, die Du kaum noch wahrnimmst oder die sich in Selbstabwertung zeigt. Gerade bei Menschen, die unter depressiven Beschwerden, innerer Leere oder starker Selbstabwertung leiden, kann es hilfreich sein, sich mit der eigenen Wut zu beschäftigen. Nicht weil unterdrückte Wut zwangsläufig Depressionen verursacht, sondern weil der Umgang mit Ärger etwas darüber erzählen kann, wie wir gelernt haben, mit uns selbst und anderen Menschen in Beziehung zu sein.
Wenn Wut in der Kindheit nicht willkommen war
Wut gehört zu unserem Gefühlsleben. Schon kleine Kinder werden wütend, wenn ihre Wünsche nicht erfüllt, ihre Grenzen überschritten oder ihre Bedürfnisse übergangen werden. In der sogenannten Autonomiephase beginnen Kinder, ihren eigenen Willen deutlicher zu zeigen. Sie möchten selbst entscheiden, widersprechen ihren Eltern und entdecken, dass sie etwas anderes wollen können als die Menschen, von denen sie abhängig sind.
Doch nicht jedes Kind erlebt, dass seine Wut willkommen ist. Vielleicht wurde sein Ärger belächelt, beschämt oder bestraft. Vielleicht reagierten die Eltern mit Ablehnung, Drohungen oder dem Entzug von Zuwendung. Möglicherweise durfte das Kind traurig oder ängstlich sein, aber nicht wütend. Unter solchen Bedingungen kann ein Kind die Erfahrung machen, dass seine Wut die Verbindung zu wichtigen Bezugspersonen gefährdet. Dabei ist es gerade auf diese Verbindung angewiesen. Den eigenen Ärger zurückzuhalten, sich anzupassen oder die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, kann dann zu einer Möglichkeit werden, die Beziehung zu schützen.
Was früher eine hilfreiche Anpassung war, kann auch im Erwachsenenalter noch eine Rolle spielen. Vielleicht fällt es Dir heute schwer, Ärger gegenüber Menschen zu empfinden oder auszudrücken, die Dir wichtig sind. Manchmal bemerkst Du nicht einmal, dass Du wütend bist.
Wenn sich die Wut gegen Dich selbst richtet
In meiner therapeutischen Arbeit begegne ich Menschen, die ausgesprochen kritisch mit sich selbst umgehen. Sie machen sich Vorwürfe, fühlen sich schnell schuldig oder haben das Gefühl, nie gut genug zu sein. Gleichzeitig fällt es ihnen schwer, Wut gegenüber anderen Menschen wahrzunehmen.
Stell Dir vor, Dein Partner oder Deine Partnerin spricht abwertend mit Dir. Vielleicht fühlst Du Dich verletzt, doch statt Deinen Ärger zu spüren, beginnst Du, Dich selbst infrage zu stellen. Warum bin ich nur so empfindlich? Warum kann ich nicht gelassener sein? Ich mache immer alles kompliziert. Manchmal lässt sich darin eine Form von nach innen gerichteter Wut erkennen. Der Ärger, der auch dem Verhalten eines anderen Menschen gelten könnte, findet keinen Ausdruck und verbindet sich stattdessen mit Selbstvorwürfen und Selbstabwertung.
Das geschieht meist nicht bewusst. Wenn es früher gefährlich war, auf wichtige Bezugspersonen wütend zu sein, kann es sich vertrauter anfühlen, die Verantwortung bei sich selbst zu suchen, als den anderen infrage zu stellen. Natürlich hat nicht jede Selbstabwertung mit unterdrückter Wut zu tun. Aber es kann sich lohnen, neugierig zu werden, welche Gefühle hinter der eigenen Selbstkritik stehen.
Schuld und Scham als Schutz vor unangenehmen Gefühlen
Wenn wir wütend auf einen Menschen sind, den wir lieben oder von dem wir abhängig sind, kann das einen schwierigen inneren Konflikt auslösen. Vielleicht möchtest Du Dich wehren, bist enttäuscht oder fühlst Dich ungerecht behandelt. Gleichzeitig taucht Angst auf. Darf ich überhaupt wütend sein? Was passiert, wenn ich meinen Ärger zeige? Gefährde ich damit unsere Beziehung?
Manchmal treten an die Stelle des Ärgers Schuldgefühle oder Scham. Du denkst, Du hättest etwas falsch gemacht. Oder Du hast das Gefühl, dass mit Dir selbst etwas nicht stimmt. Schuld und Scham können in solchen Momenten auch eine schützende Funktion übernehmen. Wenn Du die Ursache des Konflikts bei Dir selbst suchst, kann Deine Wut auf den anderen Menschen aus dem Blick geraten. Du musst dann auch nicht unmittelbar riskieren, dass dieser Mensch Deine Wut zurückweist.
Das bedeutet nicht, dass Schuld und Scham grundsätzlich Schutzstrategien sind. Es sind eigenständige Gefühle, die unterschiedliche Ursachen haben können. Manchmal helfen sie jedoch dabei, andere Gefühle auf Abstand zu halten. Das Schwierige ist, dass dabei auch der Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen und Grenzen verloren gehen kann.
Wut ist nicht dasselbe wie Aggression
Viele Menschen verbinden Wut mit Streit, Verletzungen oder dem Verlust der Kontrolle. Dabei ist Wut zunächst ein Gefühl. Sie bedeutet nicht, dass wir jemanden anschreien, angreifen oder verletzen müssen. Wut kann uns darauf aufmerksam machen, dass etwas nicht stimmt. Dass eine Grenze überschritten wurde, wir uns ungerecht behandelt fühlen oder etwas Wichtiges für uns nicht berücksichtigt wird. Sie kann uns helfen, deutlicher wahrzunehmen, was wir möchten und was nicht.
Vielleicht spürst Du Wut als Wärme im Körper, als Anspannung oder als Impuls, Dich aufzurichten und etwas zu sagen. Du musst diesem Impuls nicht unmittelbar folgen. Es kann bereits bedeutsam sein, die eigene Wut überhaupt wahrzunehmen und ihr innerlich Raum zu geben. Denn wenn wir keinen Zugang mehr zu unserem Ärger haben, fehlt uns möglicherweise auch ein wichtiger Zugang zu unserer Fähigkeit, uns abzugrenzen und für uns selbst einzustehen.
Was haben Wut und Depressionen miteinander zu tun?
Depressionen sind komplexe Erkrankungen, bei deren Entstehung biologische, psychische und soziale Faktoren zusammenwirken können. Sie lassen sich nicht einfach durch unterdrückte Wut erklären. Auch führt nicht jeder zurückgehaltene Ärger zu depressiven Beschwerden. Dennoch kann es für manche Menschen bedeutsam sein, den eigenen Umgang mit Wut genauer zu betrachten.
Wer gelernt hat, Ärger zurückzuhalten, eigene Bedürfnisse zu übergehen und die Verantwortung für Konflikte vor allem bei sich selbst zu suchen, kann zunehmend den Kontakt zu den eigenen Wünschen und Grenzen verlieren. Vielleicht entsteht das Gefühl, ohnehin nichts verändern zu können. Statt sich gegen etwas zu wehren, zieht man sich zurück oder macht sich selbst Vorwürfe. Solche Erfahrungen können mit depressivem Erleben verbunden sein. Sie erklären jedoch nicht automatisch eine depressive Erkrankung.
Depressionen können sich außerdem sehr unterschiedlich zeigen. Manche Menschen erleben wenig Zugang zu ihrer Wut, während andere ausgesprochen gereizt oder ärgerlich sind. Bei länger anhaltender Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Erschöpfung oder anderen depressiven Beschwerden ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung wichtig.
Der eigenen Wut in der Therapie begegnen
In meiner therapeutischen Arbeit geht es nicht darum, möglichst viel Wut hervorzuholen oder sie ungefiltert auszudrücken. Mich interessiert zunächst, wie Du Dich selbst erlebst. Vielleicht bemerkst Du, dass Du sehr schnell die Schuld bei Dir suchst. Oder dass Du Dich schämst, sobald Du mit Deiner Wut auf einen anderen Menschen in Kontakt kommst. Wir können gemeinsam erforschen, was in solchen Momenten geschieht. Welche Gedanken tauchen auf? Was spürst Du im Körper? Welche Gefühle sind Dir vertraut, und welche machen Dir möglicherweise Angst?
Dabei können auch frühere Beziehungserfahrungen eine Rolle spielen. Aus meiner gestalttherapeutischen und NARM®-orientierten Perspektive ist mir wichtig, diesen Reaktionen mit Verständnis zu begegnen. Sie haben möglicherweise einmal geholfen, wichtige Beziehungen aufrechtzuerhalten. Manchmal zeigen sich solche Muster auch unmittelbar in der therapeutischen Beziehung. Vielleicht fällt es Dir schwer, mir zu widersprechen, eine andere Meinung zu vertreten oder Deinen Ärger zu zeigen. Auch das können wir gemeinsam anschauen.
Du musst Deine Wut nicht sofort ausdrücken oder etwas mit ihr tun. Zunächst darf sie überhaupt da sein, ebenso wie die Angst, Schuld oder Scham, die möglicherweise damit verbunden sind. Mit der Zeit kann es möglich werden, die eigenen Gefühle deutlicher wahrzunehmen, ohne Dich dafür abzuwerten. Und vielleicht entdeckst Du dabei auch etwas, das lange wenig Raum hatte: Deinen eigenen Willen, Deine Bedürfnisse und die Möglichkeit, für Dich selbst einzustehen.
Weiterführend: In meinem Blogartikel „Wutkraft oder: ‚Depression ist die Belohnung fürs Bravsein‘“ beschäftige ich mich ausführlicher mit dem Zusammenhang zwischen Anpassung und Wut. Der Titel ist bewusst zugespitzt und keine allgemeine Erklärung für depressive Erkrankungen.
Wenn Du Dich in diesen Beschreibungen wiedererkennst, können wir in einem Erstgespräch gemeinsam schauen, ob meine therapeutische Arbeitsweise zu Deinem Anliegen passt.
