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Notfall

Über das Durchhalten, die Angst vor Verletzlichkeit und die Möglichkeit, sich selbst auf eine neue Weise zu begegnen.

Vielleicht kennst Du das Gefühl, immer weitermachen zu müssen. Du trägst Verantwortung, beruflich oder in Deiner Familie. Es gibt viel zu tun, Menschen verlassen sich auf Dich und irgendwie bekommst Du das alles hin.

Aber wie geht es Dir eigentlich dabei?

Vielleicht merkst Du schon länger, dass Du erschöpft bist. Dass Du Dich in Deiner Beziehung immer wieder zurückziehst oder Konflikte entstehen, die Du nicht wirklich verstehst. Vielleicht hast Du beruflich vieles erreicht, bist aber trotzdem unzufrieden. Oder es gibt gar keine größere Krise. Du möchtest Dich einfach selbst besser kennenlernen.

In meiner therapeutischen Praxis arbeite ich mit vielen Männern. Dabei erlebe ich immer wieder, wie ungewohnt es sein kann, sich mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu beschäftigen. Manchmal entsteht schon bei der Frage „Was wünschst Du Dir eigentlich selbst?“ eine große Ratlosigkeit. Vielleicht hast Du gelernt, Verantwortung zu übernehmen, Probleme zu lösen und Dich zusammenzureißen. Aber wer hat Dir gezeigt, wie Du mit Deiner Unsicherheit, Deiner Angst oder Deiner Hilflosigkeit umgehen kannst?

Wenn Du merkst, dass etwas nicht mehr stimmt

Manche Männer kommen zu mir, wenn sie an einem Punkt angekommen sind, an dem es nicht mehr weitergeht wie bisher. Sie fühlen sich erschöpft, stehen vor einem Burnout oder haben eine schmerzhafte Trennung erlebt. Andere beschäftigen sich schon länger mit Fragen, auf die sie keine Antwort finden. Sie erleben immer wieder ähnliche Konflikte, fühlen sich innerlich leer oder haben das Gefühl, sich selbst irgendwo auf dem Weg verloren zu haben.

Was mir häufig begegnet, ist die Gewohnheit, Schwierigkeiten lange auszuhalten. Vielleicht kennst Du solche Gedanken: „Da muss ich eben durch.“ „Andere schaffen das doch auch.“ „Ich kann jetzt nicht einfach aufhören.“

Manchmal wird das Durchhalten so selbstverständlich, dass wir kaum noch wahrnehmen, wie viel Kraft es uns kostet. Vielleicht bemerkst Du Deine Erschöpfung erst, wenn Dein Körper nicht mehr mitmacht. Oder Du spürst zwar, dass etwas nicht stimmt, kannst aber nicht richtig sagen, was Dir eigentlich fehlt.

Mich interessiert, was Dich so lange hat weitermachen lassen. Was würde es für Dich bedeuten, eine Grenze zu setzen, Unterstützung anzunehmen oder etwas nicht mehr schaffen zu müssen?

Du musst allerdings nicht erst an Deine Grenzen kommen, um Dich mit solchen Fragen zu beschäftigen. Auch Neugier auf Dich selbst und der Wunsch nach persönlicher Entwicklung können ein Anlass für Therapie sein.

Darf ich mich als Mann verletzbar zeigen?

Warum schreibe ich hier eigentlich ausdrücklich über Männer? Die Schwierigkeiten, um die es geht, betreffen natürlich nicht ausschließlich Männer. Aber ich begegne in meiner Arbeit häufig bestimmten Vorstellungen davon, wie ein Mann sein sollte.

Stark sein. Unabhängig bleiben. Probleme selbst lösen. Verantwortung übernehmen und möglichst niemandem zur Last fallen. Vielleicht hast auch Du solche Vorstellungen verinnerlicht.

Was geschieht dann, wenn Du Angst hast, Dich hilflos fühlst oder jemanden brauchst? Darfst Du Dich als Mann verletzbar zeigen? Darfst Du weinen, Dich abhängig fühlen oder zugeben, dass Du nicht mehr weiterweißt? Und wie gehst Du selbst mit Dir um, wenn Du diesen Vorstellungen von Männlichkeit nicht entsprichst?

Manchmal ist es gar nicht so sehr das Gefühl selbst, das uns Schwierigkeiten bereitet. Es ist die Art, wie wir darauf reagieren. Du fühlst Dich unsicher und verurteilst Dich dafür, nicht souveräner zu sein. Du sehnst Dich nach Nähe und schämst Dich gleichzeitig für Deine Bedürftigkeit. Vielleicht wirst Du wütend auf Dich selbst, weil Du Dich schwach fühlst. So kann es geschehen, dass wir ausgerechnet die Seiten an uns ablehnen, die besonders viel Zuwendung brauchen.

Nähe, Beziehung und Familie

In meiner Praxis begegne ich auch Männern, die beruflich viel Verantwortung tragen, große Teams führen oder ein eigenes Unternehmen leiten. Sie sind gewohnt, Entscheidungen zu treffen und schwierige Situationen zu bewältigen. Zu Hause erleben sie sich dagegen manchmal unsicher. In der Partnerschaft entstehen Konflikte, die sich nicht einfach lösen lassen. Als Vater fehlt möglicherweise die Orientierung.

Welcher Partner möchte ich sein? Wie kann ich meinem Kind nahe sein? Wie gehe ich damit um, wenn mich die Gefühle meiner Partnerin oder meiner Kinder überfordern?

Manchmal zeigt sich, dass der eigene Vater wenig emotional erreichbar war. Vielleicht hat er ebenfalls viel gearbeitet und für die Familie gesorgt. Aber wie es sich anfühlt, mit Unsicherheit, Angst oder Traurigkeit bei einem Vater willkommen zu sein, hat der Mann selbst kaum erfahren. Wie sollst Du heute etwas leben, das Du selbst nur wenig kennengelernt hast?

Auch Beziehungskrisen führen Männer in meine Praxis. Manchmal hat sich die Partnerin getrennt. Andere kommen, weil ihre Partnerin sich eine Veränderung wünscht. Wenn ich dann frage, was sie sich selbst von der Therapie erhoffen, entsteht mitunter Verwirrung. Sie wissen genau, was ihre Partnerin von ihnen erwartet. Aber was wünschen sie sich eigentlich selbst?

Hinzu kommt, dass manche Männer außerhalb ihrer Partnerschaft kaum Menschen haben, mit denen sie über persönliche Schwierigkeiten sprechen können. Die Partnerin wird dann zur wichtigsten oder einzigen emotionalen Bezugsperson. Sie übernimmt möglicherweise einen großen Teil der emotionalen Unterstützung und kümmert sich auch um soziale Kontakte. Für diese manchmal einseitige Beziehungsarbeit gibt es den Begriff Mankeeping.

Eine Studie von Mancini und Kollegen (2026) mit 797 Frauen in heterosexuellen Partnerschaften zeigte einen Zusammenhang zwischen als einseitig erlebter emotionaler Unterstützung und geringerer Beziehungszufriedenheit. Die Untersuchung zeigt damit keine Ursache für Beziehungsprobleme auf.

Ich persönlich mag den Begriff Mankeeping allerdings nicht besonders. Für mich hat er etwas Bewertendes. Mir ist wichtiger, zu verstehen, wie solche Dynamiken entstehen, ohne jemanden dafür abzuwerten.

Natürlich gehört gegenseitige Unterstützung zu einer Partnerschaft. Schwierig kann es werden, wenn die Verantwortung für das emotionale Wohlbefinden überwiegend bei einem Menschen liegt. Wenn eine solche Beziehung zerbricht, verlieren manche Männer deshalb auch ihre wichtigste Vertrauensperson. Vielleicht stellt sich dann erstmals die Frage, wie Nähe und Verbundenheit auch außerhalb einer Partnerschaft möglich werden können.

Sich selbst anders begegnen

Vielleicht kennst Du Situationen, in denen Du ganz anders reagierst, als Du eigentlich möchtest. Du ziehst Dich zurück, obwohl Du Dir Nähe wünschst. Du wirst wütend, obwohl Du Dich eigentlich verletzt fühlst. Oder Du sagst Ja, obwohl in Dir alles Nein sagt. Hinter solchen Reaktionen können Erfahrungen stehen, die weit zurückreichen.

In meiner Arbeit mit NARM, einem therapeutischen Ansatz zur Arbeit mit Entwicklungstrauma, interessiert mich besonders, wie frühe Erfahrungen und die daraus entstandenen Schutzstrategien heute noch wirksam sind. Vielleicht hast Du als Kind gelernt, Deine Bedürfnisse zurückzustellen, um die Beziehung zu Deinen Eltern nicht zu gefährden. Oder Du hast erfahren, dass bestimmte Gefühle unerwünscht sind. Was Dir damals geholfen hat, mit schwierigen Situationen zurechtzukommen, kann Dir heute im Weg stehen.

Mich interessiert dabei vor allem, was im gegenwärtigen Moment geschieht. Wie erlebst Du Dich, wenn Du kritisiert wirst? Was passiert in Dir, wenn Du Angst hast, jemanden zu verlieren? Wie gehst Du mit Dir selbst um, wenn Du Dich hilflos fühlst? Wir können gemeinsam erkunden, wie Du Dich in solchen Momenten schützt und weshalb es möglicherweise so schwer ist, anders zu reagieren.

Dabei ist mir etwas besonders wichtig. Du musst Deine vermeintlichen Schwächen und Schattenseiten nicht erst überwinden, um mit ihnen willkommen zu sein.

Ich erlebe in meiner Praxis, wie Männer beginnen, über Dinge zu sprechen, die sie bisher kaum jemandem gezeigt haben. Über ihre Angst, ihre Scham, ihre Wut oder das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Manchmal ist es eine ganz neue Erfahrung, damit einem anderen Menschen zu begegnen und nicht abgelehnt oder bewertet zu werden. Vielleicht erwartest Du Kritik oder dass Dir jemand sagt, wie Du Dich verändern musst. Stattdessen begegnet Dir Interesse an dem, was Du erlebst.

Solche Erfahrungen können auch Deinen eigenen Umgang mit Dir verändern. Du bemerkst vielleicht, wie streng Du mit Dir selbst bist. Wie schnell Du Deine Gefühle abwertest oder bestimmte Seiten von Dir verbergen möchtest. Und möglicherweise entsteht langsam etwas mehr Freundlichkeit und Verständnis für Dich selbst.

Manchmal ist gerade das ungewohnt. Auch angenommen zu werden kann Angst machen, wenn Du bisher andere Erfahrungen gemacht hast. Wir müssen damit nichts überstürzen. Auch diese Unsicherheit darf ihren Platz haben.

Was ich selbst im Kontakt mit Männern erfahren habe

Auch ich kenne diesen Weg aus eigener Erfahrung. Früher war der Kontakt mit anderen Männern für mich nicht immer einfach. Männer hatten für mich teilweise etwas Bedrohliches. Das hatte auch mit meinen Erfahrungen in der Beziehung zu meinem Vater zu tun. Ich fühlte mich im Kontakt mit Männern unsicher, vieles war ungewohnt.

Im Laufe der Jahre habe ich in unterschiedlichen Männergruppen und anderen Formaten neue Erfahrungen gemacht. Ich habe erlebt, wie wohltuend es sein kann, anderen Männern mit Offenheit und Verletzlichkeit zu begegnen. Dabei ging es auch um einen ganz unmittelbaren Kontakt mit allem, was auftauchen kann. Neben Nähe, Vertrauen und Verbundenheit hatten auch Angst, Wut und Aggression ihren Platz.

Besonders wertvoll war für mich die Erfahrung, dass Wut im Kontakt mit anderen Männern da sein darf, ohne sie am anderen auszuagieren oder unterdrücken zu müssen. Die eigene Wut zu spüren, sie halten zu können und dabei in Beziehung zu bleiben.

Darin liegt für mich auch die Bedeutung von gesunder Aggression. Sie kann uns helfen, unsere Grenzen wahrzunehmen, klarer für uns einzustehen und mit unserer eigenen Kraft in Kontakt zu kommen. Darüber habe ich auch in meinem Artikel Wutkraft – oder: „Depression ist die Belohnung fürs Bravsein“ geschrieben.

Besonders heilsam waren für mich auch die tiefen Freundschaften, die ich mit Männern entwickeln konnte. Beziehungen, in denen ich mich mit meinen unterschiedlichen Seiten zeigen kann und auch schwierige Gefühle ihren Platz haben.

Was wäre, wenn Du freier sein könntest?

Vielleicht hast Du viel Zeit damit verbracht, bestimmten Vorstellungen zu entsprechen. Du wolltest ein guter Partner sein, ein erfolgreicher Mann, ein verantwortungsvoller Vater oder einfach jemand, der sein Leben im Griff hat. Und vielleicht hast Du dabei Seiten von Dir zurückgestellt, die nicht zu diesem Bild passen.

Was wäre, wenn Du nicht mehr so viel Energie darauf verwenden müsstest, Dich selbst zu kontrollieren oder bestimmte Gefühle zu verbergen? Wenn Du Deine Grenzen früher wahrnehmen könntest, statt erst dann, wenn Du völlig erschöpft bist? Wenn Du in einem Konflikt bei Dir bleiben könntest, ohne Dich sofort verteidigen, zurückziehen oder anpassen zu müssen?

Für mich liegt darin eine wesentliche Möglichkeit von Therapie: mehr Freiheit im Umgang mit sich selbst und anderen Menschen zu entwickeln. Das kann bedeuten, die eigenen Wünsche deutlicher wahrzunehmen, sich weniger von alten Vorstellungen bestimmen zu lassen und in Beziehungen mehr von sich zeigen zu können. Vielleicht entdeckst Du dabei auch Seiten, die lange wenig Raum hatten. Deine Freude, Deine Lebendigkeit, Deine Neugier oder den Wunsch nach Nähe und Verbundenheit.

Ich erlebe immer wieder, dass aus einem ursprünglich ganz konkreten Anliegen etwas anderes entstehen kann. Ein Mann kommt vielleicht wegen seiner Erschöpfung oder weil seine Beziehung in einer Krise steckt. Im Laufe unserer Arbeit beginnt er, sich für sich selbst zu interessieren. Er möchte verstehen, was ihn bewegt, was ihm wichtig ist und wie er sein Leben gestalten möchte. Was zunächst aus einer Not heraus begonnen hat, kann zu einem eigenen Wunsch werden, sich tiefer kennenzulernen.

Du musst dafür weder wissen, was genau mit Dir los ist, noch eine klare Vorstellung davon haben, was sich verändern soll. Vielleicht können wir genau dort beginnen.

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