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People Pleasing und Fawning – wenn Anpassung zur Überlebensstrategie wird

Stiller Waldsee mit herbstlichen Bäumen und Bergen

Über die Angst vor Ablehnung und den Wunsch, in Beziehungen Du selbst sein zu dürfen.

Vielleicht kennst Du das: Du merkst, dass etwas für Dich nicht stimmt. Du möchtest Nein sagen, eine Grenze setzen oder einen eigenen Wunsch äußern. Doch bevor Du überhaupt darüber nachdenken kannst, hast Du Dich schon angepasst.

Du sagst Ja, obwohl Du Nein meinst. Du achtest auf die Stimmung Deines Gegenübers, versuchst Konflikte zu vermeiden und sorgst dafür, dass es dem anderen gut geht. Nach außen wirkst Du vielleicht verständnisvoll, unkompliziert und zugewandt. Innerlich bleibt manchmal das Gefühl, mit Deinen eigenen Bedürfnissen keinen richtigen Platz zu haben.

Dieses Beziehungsmuster wird häufig als People Pleasing bezeichnet. Dahinter können unterschiedliche Gründe stehen. Manchmal ist die Anpassung eine automatische Schutzreaktion auf die Angst vor Ablehnung oder Konflikten. In der Traumaarbeit wird dafür auch der Begriff Fawning verwendet.

Fawning – die sogenannte vierte Traumareaktion

Wenn wir uns bedroht fühlen, können wir auf unterschiedliche Weise reagieren. Häufig werden drei Schutzreaktionen beschrieben: Kampf (Fight), Flucht (Flight) und Erstarren (Freeze). In der Traumaarbeit wird oft eine vierte Reaktion ergänzt: Fawning. Gemeint ist der Versuch, Sicherheit durch Anpassung, Beschwichtigung und das Erfüllen fremder Erwartungen herzustellen.

Während wir bei Kampf oder Flucht versuchen, uns gegen eine Bedrohung zu wehren oder ihr zu entkommen, suchen wir beim Fawning Sicherheit, indem wir uns dem anderen zuwenden und versuchen, ihn zu besänftigen.

Dabei muss keine tatsächliche Gefahr bestehen. Manchmal genügt bereits die Befürchtung, jemanden zu enttäuschen oder durch einen Konflikt die Verbindung zu verlieren. Die Anpassung geschieht dann nicht unbedingt bewusst. Sie kann so vertraut geworden sein, dass Du erst hinterher bemerkst, wie schnell Du Deine eigenen Bedürfnisse zurückgestellt hast.

Fawning ist ein beschreibendes Konzept aus der Traumaarbeit und keine eigenständige klinische Diagnose. Anders als Kampf, Flucht und Erstarren ist diese Reaktion bislang weniger umfassend wissenschaftlich untersucht. People Pleasing und Fawning überschneiden sich, sind aber nicht gleichzusetzen. Nicht jedes People Pleasing ist eine Traumareaktion. Fawning beschreibt insbesondere eine mögliche automatische Schutzreaktion, bei der Anpassung dazu dient, eine empfundene Bedrohung zu entschärfen.

Wenn Anpassung einmal notwendig war

Hinter ausgeprägtem Anpassungsverhalten können frühe Beziehungserfahrungen stehen. Vielleicht war wenig Raum für Deine Wut. Vielleicht hast Du erlebt, dass Deine Eltern enttäuscht, überfordert oder abweisend reagierten, wenn Du etwas anderes wolltest als sie.

Als Kind bist Du auf die Beziehung zu Deinen Bezugspersonen angewiesen. Wenn Du wiederholt erlebst, dass Deine eigenen Gefühle oder Bedürfnisse diese Verbindung gefährden könnten, kann Anpassung zu einer wichtigen Möglichkeit werden, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Du lernst möglicherweise, sehr genau auf die Stimmungen und Erwartungen anderer zu achten. Du versuchst früh zu erkennen, was von Dir gebraucht wird und wie Du Ablehnung vermeiden kannst. Deine eigenen Wünsche und Gefühle können dabei zunehmend in den Hintergrund treten.

Aus Sicht der Entwicklungstraumatherapie lässt sich dieses Verhalten als eine Form der Anpassung verstehen, die einmal sinnvoll oder sogar notwendig gewesen sein kann. Solche frühen Erfahrungen müssen nicht hinter jedem People Pleasing stehen. Wo sie eine Rolle spielen, können sie jedoch noch lange wirksam bleiben, selbst wenn die ursprüngliche Situation längst vorbei ist.

Die Angst, die Verbindung zu verlieren

In erwachsenen Beziehungen kann dieses Muster besonders deutlich werden. Du möchtest Deinem Partner oder Deiner Partnerin nahe sein. Gleichzeitig fällt es Dir schwer, Dich mit Deinen eigenen Bedürfnissen, Grenzen oder Deiner Unzufriedenheit zu zeigen. Vielleicht hast Du Angst, den anderen zu enttäuschen. Schon eine kleine Meinungsverschiedenheit kann sich bedrohlich anfühlen, obwohl Du weißt, dass sie eigentlich zu einer Beziehung dazugehört.

Diese Angst muss Dir nicht einmal bewusst sein. Manchmal bemerkst Du nur eine innere Anspannung, sobald Dein Gegenüber unzufrieden wirkt. Fast automatisch beginnst Du, Dich anzupassen.

Du versuchst, die Verbindung zum anderen zu sichern, indem Du die Verbindung zu Dir selbst zurückstellst. Das geschieht meist nicht absichtlich. Es ist ein vertrautes Beziehungsmuster, das sich über viele Jahre entwickelt haben kann.

Wenn aus Nähe Distanz wird

Das Schmerzhafte am People Pleasing ist, dass es häufig genau das erschwert, wonach wir uns sehnen: eine Beziehung, in der wir uns gesehen und angenommen fühlen. Wenn Du Deine Wünsche immer wieder zurückhältst, weiß Dein Gegenüber vielleicht gar nicht, was Dir wichtig ist. Gleichzeitig kannst Du Dich zunehmend übersehen fühlen. So entsteht manchmal eine Distanz, obwohl Du Dir eigentlich Nähe wünschst.

Du gibst viel, nimmst Rücksicht und bist für andere da. Irgendwann bemerkst Du vielleicht, dass Deine eigenen Bedürfnisse immer wieder zu kurz kommen. Neben der Unzufriedenheit kann auch Wut entstehen. Diese Wut muss nicht bedeuten, dass mit Deiner Beziehung etwas falsch ist. Sie kann ein Hinweis darauf sein, dass etwas in Dir lange keinen Platz hatte. Vielleicht brauchst Du mehr Abstand, mehr Nähe oder einfach die Möglichkeit, anderer Meinung zu sein, ohne gleich um die Beziehung fürchten zu müssen.

Es geht nicht darum, weniger freundlich zu sein

Freundlichkeit, Empathie und Rücksichtnahme sind wertvolle Fähigkeiten. Schwierig wird es, wenn Du dabei immer wieder Deine eigenen Grenzen übergehst. Entscheidend ist, ob Du eine Wahl hast.

Kannst Du Ja sagen, weil Du es wirklich möchtest? Und kannst Du Nein sagen, ohne dass sich die Beziehung für Dich sofort unsicher anfühlt? Was geschieht innerlich, wenn Dein Gegenüber enttäuscht ist und Du trotzdem bei Deiner eigenen Wahrnehmung bleibst? Für Menschen, die früh gelernt haben, Beziehungen durch Anpassung zu sichern, kann das eine große Herausforderung sein.

Wieder mehr bei Dir ankommen

In meiner therapeutischen Arbeit geht es mir nicht darum, People Pleasing oder Fawning einfach abzustellen oder Dich dazu anzuhalten, häufiger Nein zu sagen. Mich interessiert vielmehr, was dieses Verhalten für Dich bedeutet.

Was geschieht innerlich, wenn Du jemanden enttäuschen könntest? Welche Gefühle tauchen auf, wenn Du eine Grenze setzen möchtest? Und was befürchtest Du, könnte passieren, wenn Du Dich mit Deinen eigenen Bedürfnissen zeigst?

Zunächst ist es wichtig zu verstehen, welche Funktion diese Anpassung einmal hatte und wovor sie Dich möglicherweise noch heute schützt. Wenn Du beginnst, die dahinterliegenden Gefühle und Beziehungserfahrungen wahrzunehmen, kann sich allmählich auch Dein Umgang damit verändern. Vielleicht bemerkst Du früher, wann Du Dich anpasst. Du kannst einen Moment länger bei Deinem eigenen Empfinden bleiben, bevor Du auf Dein Gegenüber reagierst.

Mit der Zeit kann so die Erfahrung entstehen, dass eine Beziehung auch dann bestehen bleiben kann, wenn Du nicht immer den Erwartungen des anderen entsprichst.

Es geht um mehr Freiheit darin, wie Du Dich in Beziehungen zeigen möchtest, ohne die Anpassung, die Dir einmal geholfen hat, abzuwerten.

Denn Nähe braucht auch Raum für Unterschiede, für Grenzen und für das, was Dir selbst wichtig ist. Vielleicht beginnt Veränderung dort, wo Du langsam entdecken kannst, dass Du die Verbindung zum anderen nicht immer dadurch sichern musst, dass Du Dich selbst zurückstellst.

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