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Notfall

Warum wir uns nach Verbindung sehnen und gleichzeitig davor schützen.

Es gibt eine Form von Einsamkeit, die sich nur schwer beschreiben lässt. Ein Gefühl, mit sich selbst und dem eigenen Erleben allein zu sein. Vielleicht begleitet es uns schon lange, ohne dass wir genau wissen, woher es kommt. Wir können Beziehungen führen, Freunde haben und von Menschen umgeben sein. Trotzdem bleibt manchmal das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören oder von anderen getrennt zu sein.

Gleichzeitig kann Nähe etwas Widersprüchliches auslösen. Wir sehnen uns danach, gesehen und verstanden zu werden. Doch sobald jemand uns wirklich näherkommt, entsteht möglicherweise Anspannung. Wir werden vorsichtig, ziehen uns zurück oder bemerken, dass wir uns innerlich verschließen. Wie kommt es, dass wir uns nach Verbindung sehnen und uns gleichzeitig davor schützen?

Aus der Perspektive des NeuroAffektiven Beziehungsmodells (NARM®) kann diese Erfahrung mit frühen Beziehungserfahrungen und den daraus entstandenen Schutzstrategien zusammenhängen. Um diesen Zusammenhang besser zu verstehen, lohnt es sich, zunächst auf die frühen Jahre unseres Lebens zu schauen.

Mutterseelenallein – wenn ein Kind mit seiner Not allein bleibt

Ein kleines Kind braucht Menschen, die es schützen, wahrnehmen und beruhigen. Wenn es Angst hat, verzweifelt ist oder von seinen Gefühlen überwältigt wird, kann es damit noch nicht so umgehen wie ein erwachsener Mensch. Es braucht jemanden, der bei ihm bleibt und ihm hilft, wieder zur Ruhe zu finden. Manchmal fehlt diese Unterstützung. Vielleicht ist tatsächlich niemand da. Vielleicht sind die Eltern körperlich anwesend, aber selbst so erschöpft, belastet oder mit sich beschäftigt, dass sie das Kind emotional nicht erreichen können. Es geht also nicht allein darum, ob ein Kind allein gelassen wurde. Entscheidend ist auch, ob es sich mit seiner Not allein fühlen musste.

Ein Kind kann noch nicht verstehen, warum seine Bezugsperson gerade nicht erreichbar ist. Und es kann seine Lebensbedingungen kaum verändern. Es ist auf die Beziehung angewiesen und muss einen Weg finden, mit dem zurechtzukommen, was geschieht. Wenn diese Erfahrung wiederholt auftritt, kann es beginnen, sich an die fehlende Unterstützung anzupassen. Es zeigt vielleicht weniger von seiner Not oder verliert nach und nach den Zugang zu bestimmten Bedürfnissen. Das geschieht nicht aus einer bewussten Entscheidung heraus. Es ist ein Versuch, unter schwierigen Bedingungen zurechtzukommen.

Verlassenheit bedeutet nicht immer, dass jemand gegangen ist

Manchmal sind es tatsächliche Trennungen: der Verlust eines Elternteils, ein längerer Krankenhausaufenthalt oder wiederkehrende Abschiede. Manchmal ist die Erfahrung weniger sichtbar. Ein Kind weint, aber niemand kann es trösten. Es hat Angst, doch dafür gibt es wenig Raum. Oder es spürt, dass bestimmte Gefühle die Eltern überfordern.

Nicht jede Trennung wird als Verlassenwerden erlebt. Und nicht jede emotionale Verlassenheit ist von außen erkennbar. Zwei Kinder können Ähnliches erleben und dennoch sehr unterschiedlich darauf reagieren. Deshalb geht es nicht darum, im Nachhinein nach einem einzelnen Ereignis zu suchen, das alles erklärt. Mich interessiert vielmehr, was ein Kind in solchen Momenten gebraucht hätte und was ihm tatsächlich zur Verfügung stand.

Frühe Trennungserfahrungen – das Beispiel der DDR-Wochenkrippen

In der ehemaligen DDR gab es Wochenkrippen, in denen Säuglinge und Kleinkinder von Montag bis Freitag betreut wurden, auch über Nacht. Häufig sahen sie ihre Eltern erst am Wochenende wieder. Diese Einrichtungen gehörten zu den damaligen gesellschaftlichen Bedingungen. Für viele Eltern, etwa bei Schichtarbeit oder wenn sie alleinerziehend waren, sollten sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Die Entscheidungen der Erwachsenen lassen sich nicht losgelöst von diesen Umständen betrachten.

Aus der Sicht eines kleinen Kindes kann eine solche Betreuung jedoch eine andere Bedeutung haben. Es weiß noch nicht, weshalb die vertrauten Menschen weggehen oder wann sie wiederkommen. Vielleicht vermisst es sie, bekommt Angst oder ist verzweifelt. Entscheidend ist dann auch, ob während der Trennung eine vertraute Betreuungsperson erreichbar ist, die seine Not wahrnimmt und ihm Sicherheit vermittelt. Die wiederkehrenden Abschiede und Wiederbegegnungen werfen deshalb Fragen auf: Wer war für das einzelne Kind da? Wie wurden seine Bedürfnisse beantwortet? Und wie hat es diese Zeit erlebt?

Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung ehemaliger Wochenkrippenkinder fand im Durchschnitt stärkere psychische Belastungen als in den Vergleichsgruppen. Dazu gehörten unter anderem depressive Beschwerden und soziale Ängste. Die Ergebnisse sind allerdings vorsichtig zu interpretieren: Die Teilnehmenden meldeten sich selbst zur Studie, und ein eindeutiger Ursache-Wirkungs-Zusammenhang lässt sich daraus nicht ableiten.

Nicht jedes Kind hat die Wochenkrippe gleich erlebt. Und es geht nicht darum, Eltern oder Betreuungspersonen nachträglich die Schuld zu geben. Wir können die Bedingungen der Erwachsenen verstehen und zugleich fragen, welche Erfahrungen die Kinder gemacht haben.

Was bleibt, wenn wir uns nicht erinnern können?

Wer als Säugling oder sehr kleines Kind von seinen Eltern getrennt wurde, hat später meist keine bewusste Erinnerung daran. Die ersten Lebensjahre stehen uns in der Regel nicht als zusammenhängende Lebensgeschichte zur Verfügung. Dennoch machen wir in dieser Zeit Erfahrungen und lernen etwas über Beziehungen. Können wir Unterstützung erwarten? Ist jemand da, wenn wir Angst haben? Haben unsere Bedürfnisse Platz? Solche Erfahrungen können mitprägen, wie wir später Nähe, Trennung oder das Bitten um Hilfe erleben – auch ohne bewusste Erinnerung.

Vielleicht fühlt sich ein Mensch schnell verlassen, obwohl der andere nur etwas Zeit für sich braucht. Vielleicht fällt es schwer, um Unterstützung zu bitten. Oder die Einsamkeit ist da, ohne dass sich dafür ein eindeutiger Grund finden lässt. Das bedeutet nicht, dass wir aus unseren heutigen Gefühlen zuverlässig auf bestimmte Kindheitserfahrungen schließen können. Unsere Entwicklung wird von vielen unterschiedlichen Einflüssen geprägt. In der Therapie müssen wir nicht herausfinden, was damals genau geschehen ist. Wir können bei dem beginnen, was heute spürbar wird.

Wenn wir den Kontakt zu uns selbst verlieren

Im NeuroAffektiven Beziehungsmodell (NARM) beschäftigen wir uns mit frühen Anpassungen, die uns geholfen haben, unter schwierigen Bedingungen zurechtzukommen. Das Modell beschreibt sie als Überlebensstrukturen. Wenn ein Kind mit seiner Not häufig allein bleibt, kann es unterschiedliche Wege finden, sich zu schützen. Vielleicht nimmt es seine Bedürfnisse weniger wahr und zieht sich in Gedanken zurück. Vielleicht wird es besonders selbstständig und lernt, niemanden um etwas zu bitten. Oder es passt sich stark an, um die Beziehung zu wichtigen Menschen nicht zu gefährden.

Zur sogenannten Kontakt-Überlebensstruktur gehört die Möglichkeit, sich vom eigenen körperlichen und emotionalen Erleben sowie von anderen Menschen zurückzuziehen. Später kann sich das so anfühlen, als sei man nicht richtig Teil der Welt oder gehöre nirgends wirklich dazu.

Einsamkeit ist aber nicht auf diese eine Überlebensstruktur beschränkt. Auch Unabhängigkeit oder ständige Anpassung können dazu führen, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse kaum noch wahrnehmen und uns in Beziehungen nicht wirklich zeigen. Die Schutzstrategien waren einmal sinnvoll. Schwierig wird es, wenn wir sie heute weiterhin automatisch einsetzen, obwohl wir uns etwas anderes wünschen.

Wir sehnen uns nach Verbindung und schützen uns gleichzeitig davor

Vielleicht wünschst Du Dir Nähe und bemerkst Anspannung, sobald jemand Dir wirklich näherkommt. Vielleicht möchtest Du über Deine Gefühle sprechen, schämst Dich aber dafür. Oder Du bist für andere da, spürst jedoch kaum, was Du selbst brauchst. So können wir in einer Beziehung sein und uns trotzdem einsam fühlen.

Der Rückzug schützt möglicherweise vor Zurückweisung. Gleichzeitig verhindert er, dass wir neue Erfahrungen mit Nähe machen. Unabhängigkeit schützt vor Enttäuschung und macht es schwer, Hilfe anzunehmen. Anpassung kann Beziehungen sichern, während wir darin selbst kaum vorkommen.

Manchmal entwickeln wir dabei auch bestimmte Vorstellungen über uns selbst. Vielleicht glauben wir, grundsätzlich nicht dazuzugehören, anderen zur Last zu fallen oder niemanden wirklich brauchen zu dürfen. Diese Überzeugungen können sich so vertraut anfühlen, dass wir sie kaum noch hinterfragen. Dabei sind sie möglicherweise Ausdruck unserer frühen Anpassungen und nicht die Wahrheit darüber, wer wir sind.

Wenn Einsamkeit in der Therapie auftaucht

Manchmal geschieht im therapeutischen Prozess etwas zunächst Verwirrendes. Wir verstehen unsere Schutzstrategien besser und erleben trotzdem mehr Einsamkeit als zuvor. Vielleicht haben wir lange geglaubt, niemanden zu brauchen. Wir haben uns an den Rückzug gewöhnt und die Sehnsucht nach Verbindung kaum noch gespürt. Wenn wir diese Haltung allmählich hinterfragen, kann uns eine tiefe Einsamkeit begegnen, die bisher wenig Raum hatte.

Im NARM wird der Zusammenhang von Desidentifikation, Einsamkeit und Freiheit beschrieben. Als Bild für eine mögliche Bewegung im therapeutischen Prozess lässt er sich so darstellen:

Desidentifikation → Einsamkeit → Freiheit

Desidentifikation – ich bin mehr als mein Schutz

Vielleicht war der Satz „Ich brauche niemanden“ lange selbstverständlich. Oder die Überzeugung, ohnehin nicht dazuzugehören. Desidentifikation bedeutet, dass wir solche Vorstellungen allmählich als erlernte Anpassungen erkennen können.

Wir bemerken beispielsweise, wie wir uns zurückziehen, obwohl wir Nähe möchten, oder unsere Bedürfnisse verbergen, weil wir Ablehnung befürchten. Wir müssen uns dafür nicht verurteilen. Es entsteht vielleicht erst einmal die Möglichkeit, die eigene Reaktion wahrzunehmen, statt ganz in ihr aufzugehen.

Einsamkeit – was unter dem Schutz spürbar wird

Wenn der gewohnte Rückzug nicht mehr alles überdeckt, kann sichtbar werden, wie sehr uns Verbindung gefehlt hat. Wir spüren vielleicht die Einsamkeit eines früheren Alleinseins, ohne sagen zu können, wann sie begonnen hat. Dass diese Einsamkeit auftaucht, muss kein Rückschritt sein.

In diesem Zusammenhang kann sie ein bedeutsames Zeichen von Veränderung sein: Etwas, von dem wir uns lange abgeschnitten hatten, wird wieder wahrnehmbar.

Aber Einsamkeit ist nicht automatisch heilsam. Manchmal zeigt sie auch eine aktuelle Belastung oder dass mehr Unterstützung nötig ist. Entscheidend ist deshalb, wie wir ihr begegnen.

In einer tragfähigen therapeutischen Beziehung kann es möglich werden, diese Einsamkeit zu spüren, ohne damit wieder ganz allein zu sein. Vielleicht ist genau das neu: Dass jemand da ist, während wir wahrnehmen, was uns so lange gefehlt hat. Es braucht dabei keinen Druck, schwierige Gefühle möglichst lange auszuhalten. Manchmal ist es schon viel, einen kleinen Augenblick mit der eigenen Einsamkeit in Kontakt sein zu können und dabei die Anwesenheit eines anderen Menschen wahrzunehmen.

Freiheit – wenn andere Möglichkeiten entstehen

Freiheit bedeutet hier nicht, nie wieder einsam zu sein. Vielleicht können wir mit der Zeit unsere Bedürfnisse deutlicher wahrnehmen, um Kontakt bitten oder Nähe zulassen, ohne die eigenen Grenzen zu übergehen.

Wir müssen nicht mehr ausschließlich auf die vertrauten Schutzstrategien zurückgreifen. Es entsteht möglicherweise etwas mehr Spielraum, wie wir uns selbst und anderen begegnen. Die Abfolge ist kein fester Weg, den jeder Mensch durchlaufen muss. Sie beschreibt eine Möglichkeit, wie sich unser Verhältnis zu den vertrauten Schutzstrategien verändern kann.

Wieder mehr Verbindung erleben

In der Therapie interessiert mich besonders, was heute im Kontakt geschieht. Wann möchten wir uns zeigen, und wann ziehen wir uns zurück? Welche Befürchtungen tauchen auf, wenn wir jemanden brauchen oder uns Nähe wünschen?

Es geht nicht darum, die alten Schutzstrategien möglichst schnell loszuwerden. Auch heute kann Rückzug sinnvoll sein. Wir können aber allmählich unterscheiden lernen, wann er uns schützt und wann er uns von der Verbindung fernhält, die wir eigentlich suchen.

Dabei braucht es keine großen Schritte. Vielleicht entsteht etwas mehr Raum, die eigenen Gefühle zu bemerken, eine Grenze auszusprechen oder Unterstützung anzunehmen. Solche Erfahrungen können unser Verhältnis zu uns selbst und zu anderen verändern.

Sich selbst und anderen wieder näherkommen

Manche Menschen kennen das Gefühl tiefer Einsamkeit schon sehr lange. Vielleicht können sie sich nicht erinnern, wann es begonnen hat oder welche Erfahrungen damit verbunden sein könnten. Aus der Perspektive von NARM müssen wir diese Vergangenheit nicht vollständig kennen, um uns mit unseren heutigen Schwierigkeiten in Beziehungen beschäftigen zu können.

Wir können damit beginnen, unsere vertrauten Schutzstrategien wahrzunehmen und besser zu verstehen. Dabei kann uns auch eine Einsamkeit begegnen, die wir bisher kaum gespürt haben.

Vielleicht entsteht mit der Zeit mehr Raum, unsere Bedürfnisse ernst zu nehmen, andere um Unterstützung zu bitten und Nähe im eigenen Tempo zuzulassen. Ohne dass wir dafür unsere eigenen Grenzen übergehen müssen.

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